Von Cloppenburg aus auf den Straßen der Welt

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von Klaus Deux

Heinrich-Kalkhoff

Die Geschichte eines Unternehmens wird zwar zu- nächst geprägt von der allgemeinen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung, aber vor allem durch die unternehmerischen Entscheidungen. Wie das 1919 auch bei Heinrich Kalkhoff (*30.11.1903) der Fall war. Damals ahnte noch niemand, aber heute wissen wir, dass sich hier ein Mann ans Werk machte, der nach Arbeitsdrang und Umsicht zu Recht ein Pionier auf seinem Gebiet genannt wird.

Nach einer wechselvollen Geschichte mit vielen Produkt-Höhepunkten und Exporten in ferne Länder ist Kalkhoff heute unter den Fittichen der Cloppenburger Derby Cycle Werke und in der PON-Gruppe gut aufgehoben. Kalkhoff zählt heu- te zu den bekanntesten Fahrradmarken Europas. Derby ist der nach Umsatz größte Fahrradproduzent in Deutschland. Mit seinen Marken Kalkhoff, Focus, Raleigh, Univega, Rixe und Cervélo verkauft Derby Cycle jährlich über eine halbe Million Fahrräder, darunter auch immer mehr E-Bikes und Pedelecs. Aber auch Wettkampf-Rennmaschinen, Mountainbikes, qualitativ hochwertige Trekking-, City-, Offroad- und Kinderräder für Alltag und Reise umfasst das Sortiment von Derby Cycle.

Heinrich Kalkhoff ist als Landbriefträger bei der Kaiserlichen Post in Cloppenburg beschäftigt, als er die Möglichkeit zu einem Nebenerwerb entdeckte. Denn eines Tages fiel ihm auf der Postverteilungstour eine Postwurfsendung, sprich Werbung, des Großhändler Ratte aus dem Raum Münster in die Hände, die an alle Fahrradhandlungen gerichtet war. Hier wurden erstklassige Bereifungen, engl. Dunlop Pneumatic Ballonreifen aus Birmingham, zu günstigsten Preisen angeboten. Auf seinen Wegen im Oldenburger Münsterland hörte er oft Klagen über Mangel an Fahrrad-Bereifungen. Also ent- schloss sich Heinrich Kalkhoff, auf seinen Touren auch Bereifungen und später andere Fahrradteile an seine Postkunden gegen Vorkasse zu verkaufen. Die Nachfrage war so groß, dass Kalkhoff fortan fast mehr Fahrradteile als Post auszutragen hatte. Das brachte ihm zwar nur einige Pfennige ein, aber dafür gewann er die Idee, Abschied von der Post zu nehmen, denn beim ambulanten Verkauf sollte es nicht bleiben.

Im Juni 1919 begründete Heinrich Kalkhoff im elterlichen Haus am Kessener Weg in Cloppenburg seine unternehmerische Eigenständigkeit. Zunächst im Handel mit Bereifungen (schwere englische Wulstdecken und inländische Armeedecken sowie erstklassige Continental Decken und Schläuche). Jetzt kam auch noch der Handel mit gebrauchten „…aber tadellos erhaltenen…! Herren- und Damenfahrräder sowie Ersatzteile hinzu. Stets auf Vorkasse, um seine Einkäufe zu finanzieren. Seine Kunden wollten jetzt nicht nur Fahrradteile, sondern auch Rahmen und komplette, neue und individuelle Fahrräder bei ihm kaufen. Also kaufte er Fahrradrahmen von der Firma Rixe, Bielefeld und baute aus diesen im elterlichen Schuppen die ersten Fahrräder. Die ganze Familie half mit. Produziert wurde im umgebauten Stall. Die Nachfrage war groß und kaum zu befriedigen, zumal die soeben überstandene Inflation und der Währungsverfall alles enorm verbilligte. Nicht zuletzt durch die damals sehr offensive Werbung konnte Heinrich Kalkhoff seinen Käuferkreis rasch erweitern, wobei er auch Konflikte mit seinen Wettbewerbern nicht scheute.

Großes Fest mit der Familie Kalkhoff und der gesamten Belegschaft – Die Eltern des Firmengründers, Berta und Georg Kalkhoff feierten ihre Goldene Hochzeit

Dass es im Anbau ihres Hauses am Kessener Weg mal so brummen würden, hätten die Eltern des jungen Heinrich wohl nicht gedacht. Schon acht Jahre nach dem Start des 16-Jährigen hatte er das Nebenhaus so erweitert, dass hier nicht nur Büroräume, Produktion, Lager und der Direktverkauf untergebracht werden konnten, sondern auch die Schlafräume für seine damals 15 Arbeiter. Die ersten Mitarbeiter wohnten alle mit im elterlichen Haus und wurden von Mutter Kalkhoff auch mit verpflegt. Jeden Morgen wurden zum Frühstück etliche Buchweizen-Pfannkuchen mit den vier Speckaugen gebacken.

Im Jahre 1927 heiratete Heinrich Kalkhoff seine Frau Elisabeth, mit der er insgesamt 10 Kinder hatte. Der Standort am Kessener Weg veränderte sich über die Jahrzehnte ständig. Die Belegschaft und die Produktion wurde immer wieder erweitert: Bis Kriegsbeginn wurden bereits 700.000 Fahrradrahmen hergestellt. Mit damals 70 Mitarbeiter in Lohn und Arbeit stellten die Kalkhoff-Werke in der damals struktur- schwachen Region einen der wichtigsten Arbeitgeber dar. Während der Wintermonate wurde gar ein Großteil der bäuerlichen Bevölkerung mit dem Einspeichen von Laufrädern beschäftigt – für viele ein notwendiges Zubrot.

Mit dem Ausbruch des II. Weltkrieges (1939-45) musste Heinrich Kalkhoff die Fertigung von Rahmen und Fahrräder gezwungenermaßen einstellen, weil die Produktion „nicht kriegsnotwendig“ war. Ab sofort hatte sich auch Kalkhoff in den großen Kreis der Rüstungsfirmen einzureihen und musste auf Kriegsproduktion umstellen. Für Panzerketten wurden nun Bolzen hergestellt. Dafür wurde das Werk auch erheblich erweitert.

1945: Auf Anordnung der Besatzungsmacht mussten nun ab sofort vorrangig für die landwirtschaftlichen Betriebe unter anderem Küchenherde, Honigschleuder und Futterdämpfer gefertigt werden. Die Futterdämpfer waren eigentlich für die Schweinemast vorgesehen, aber von den Landwirten schnell zum Schnapsbrennen (u.a. Rübenschnaps) umfunktioniert. Außerdem wurden auch Landwirtschaftliche Anhänger gebaut sowie Gewindebolzen für die Eisenbahn gefertigt. In dieser Zeit war die Beschaffung der Rohmaterialien sehr schwierig. Also fuhr Heinrich Kalkhoff mit Naturalien vor der Währungsreform mit dem LKW nach Hohenlimburg um Rohre und Bandeisen im Tausch zu bekommen.

Ab 1953 standen dann wieder Fahrräder und auch neuerdings Mofas und Mopeds (mit 50 Kubik Sachs- und ILO- Motoren) im Mittelpunkt der Fertigung, denn Autos waren knapp und teuer. In dieser Zeit erlebte die Zweiradbranche einen enormen Nachfrageboom. Mit speziellen Messe-Verkaufswagen fuhren die Kalkhoff`s ab 1950 zu den Händlern und Großveranstaltungen. 1955 entstand ein Zweigwerk in Volkmarsen, wo man ausschließlich für den Export nach Südafrika und Übersee produzierte. Rund 30 Prozent der Produktion ging in den Export. Vor allem nach Skandinavien und Österreich. Sogar in Ostasien ist Kalk- hoff mit Handarbeit „Made in Germany“ konkurrenzfähig.

Die Verkaufserfolge resultierten aus einem relativ niedrigen Verkaufspreis und zudem aus der Fähigkeit des Unternehmens, sich an die Design-Erwartungen der Exportländer anzupassen: So war für Indonesien eine farben- frohe Optik wichtig. Für den US-Markt durfte an keinem Fahrrad eine Benzintank-Attrappe fehlen. In Deutschland hieß die Antwort auf Kettlers „Kett-Car“ neuerdings „Ka- Car“ von Kalkhoff. Ansonsten bestimmte der Zeitgeist das Modellprogramm: Während in den 60ern das hohe An- sehen des Profiradsports den Verkauf von Rennrädern förderte, führte nach 1968 die stärkere Betonung des Breitensports – die populäre „Trimm  Dich“-Bewegung zur Entwicklung neuer Produktlinien: Heimtrainer und Fitness-Sportgeräte. Außerdem war das Klapprad in Mode gekommen und bescherte dem Unternehmen deutliche Produktionszuwächse.

Um mit dem steigenden Produktumfang Schritt zu halten, erwarb Heinrich Kalkhoff immer mehr Grund rund um seine Fabrik. Da 1969 das Carré um den Kessener Weg vollkommen zugebaut und die Nachfrage aber nach wie vor riesig war, machte dies die Errichtung eines weiteren Werkes nötig und möglich, dass man 1970 im Industriegebiet Emstekerfeld aus dem Boden stampfte. Entscheidend für die Wahl dieses Standorts war die günstige Verkehrsanbindung – man ver- fügte hier über einen werkseigenen Gleisanschluss. Am neu- en Standort entstand zunächst ein zentrales Versandlager, 1972 folgte eine Lackier- und Montagehalle. Neben der Pro- duktionshalle an der Cloppenburger Industriestraße, von wo aus heute die Kalkhoff-Räder in alle Welt gehen, unterhielt die Firma diverse auswärtige Produktionsstätten: für seine Teilemarke„Cito“, seine Laufradproduktion bei„Roland“ oder das„Nico Presswerk“. Sowie fünf große Auslieferungslager in verschiedenen Orten der Bundesrepublik.

Nachdem Heinrich Kalkhoff fast ein halbes Jahrhundert die Leitung des Unternehmens innehatte, übergab der Firmengründer 1968 die Geschäftsleitung an seine drei Söhne. Die Kalkhoff-Werke beschäftigten damals 420 Mitarbeiter und konnten 1969 bei einem rauschenden Fest die Herstellung des 4.000.000 Fahrrades feiern. Unglaublich: Ohne jede kaufmännische oder handwerkliche Ausbildung hat es Heinrich Kalkhoff verstanden, in 50 Jahren aus einem Ein-Mann-Unternehmen eines der größten Unternehmen der Radbranche zu schaffen. Wichtigster Grund für den Erfolg war wohl eiserne Disziplin – für ihn und alle Mitarbeiter. Der Chef war in seinem Unternehmen allgegenwärtig. Nicht nur, um seine Arbeiterschaft zu kontrollieren, sondern vielmehr, um technische und ergonomische Abläufe zu beeinflussen. Seine Maxime: Einfachheit der Abläufe und Solidität. Immer wieder traf man ihn an einer Werkbank, wo er sich als „Tüftler“ mit technischen Lösungen beschäftigte.

Als Heinrich Kalkhoff 1972 starb, hinterließ er seinen Kindern ein wirtschaftlich gesundes, expandierendes Unternehmen, das in den Folgejahren noch kräftig wachsen sollte. Umso schmerzlicher war 1986 für viele Mitarbeiter und für die Region die Insolvenz des Unternehmens, das nicht mehr mit dem schnelllebigen Zeitgeist mithalten konnte.

1974 –Werk I am Kessenerweg (20.000 qm)

Dass Kalkhoff heute zu den bekanntesten Marken Euro- pas zählt, liegt auch an den ungewöhnlichen Werbe- und Vermarktungsstrategien des Heinrich Kalkhoff. Mit speziellen Messe-Verkaufswagen fuhr das Unternehmen Kalkhoff ab 1950 die Händler an. 1965 wurde zeitgemäß der erste Warenprospekt für das breite Publikum vorgestellt. Schlagzeilen trächtige PR-Arbeit gehörte stets dazu: Vom Bundeswirtschaftsminister bis zum Bischof auf dem „Heimtrainer“ gewann er auch Prominente für werbliche Zwecke. Auch die seinerzeit sehr populäre Ikone der 68er-Bewegung und Model, Uschi Obermaier, war lange das Kennzeichen auf den verschiedensten Kalkhoff-Werbeplakaten, auf denen sie ungewohnt freimütig für Kalkhoff-Räder posierte.

In Herbst 1985 wollte die Familie ihre Geschäftsanteile verkaufen. Hierzu kam es jedoch nicht mehr, denn am 15. November 1985 erfolgte der Konkurs der Kalkhoff-Gruppe. Grund: Die Geschwister Kalkhoff zogen schon seit längerer Zeit nicht mehr an einem Strang und hatten unterschiedliche Auffassungen in der Ausrichtung des Unternehmens. Man war den Großabnehmern total ausgeliefert.

Für die vielen Mitarbeiter und das gesamte Umfeld eine schmerzliche Katastrophe. Die Familie Kalkhoff in der II. Generation musste die Verantwortung für das Unternehmen abgeben. Von da an war das Unternehmen Eigentum von privaten Investoren. Die Gebäude am Kessener Weg wurden 1986 abgerissen um später das danach brachliegende, konterminierte Firmengelände nach aufwendiger Sanierungsmaßnahme für eine Wohnbebauung freizugeben.

Die Rettung zog sich. Der Zuschlag ging an eine regionale Investorengruppe. Sie nannten sich „Neue Kalkhoff-Werke“. Diese Firma konnte sich aber nur bis Mitte 1988 halten, obwohl die Mitarbeiter durch erhebliche Lohnzugeständnisse und mit dem mager ausgestatteten Sozialplan versuchten das Unternehmen zu retten.

Eine Wende und nachhaltige Rettung brachte erst die Gründung der neuen Gesellschaft „Derby Cycle GmbH“ am 27.09.1988 mit der neuen Strategie: konsequente Markenpolitik und Konzentration mit allen Marken auf den Fahr- rad-Fachhandel. Aufgrund vieler fähiger Mitarbeiter, der gewieften und weitsichtigen Firmenpolitik sowie einer frühzeitigen Fokussierung auf Kalkhoff, schaffte es die Marke wieder an die Spitze – mit einem klaren Bekenntnis zum Standort Deutschland, zu traditionellen Werten und höchstem
Qualitätsanspruch. Man sieht sich heute als „Marke für die ganze Familie. Und beweist Gespür für die Bedürfnisse der Endverbraucher und neue Trends: Wie die Musterwagen des Heinrich Kalkhoff, reisen heute hochmoderne Kalkhoff Präsentations-Mobile durch ganz Europa, um Verbraucher die ganze Bandbreite des Elektrorad-Programms testen zu lassen.

Die Erfolgsgeschichte der heutigen Firma DERBY CYCLE, ist ohne das Lebenswerk von Heinrich Kalkhoff nicht denkbar. Als visionäre Unternehmerpersönlichkeit prägte er über viele Jahrzehnte hinweg die Kalkhoff Werke und entwickelte diese zu einem weltweit namhaften Fahrradhersteller.

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